So müde – niemals müde

Wenn ich an einem Projekt sitze, an dem mein Herz hängt, kenne ich nichts.

Keinen Hunger, keinen Durst, keine anderen Bedürfnisse.

Keine Müdigkeit.

Und doch …

Die sechsspurige Autobahn im Kopf

Und doch ist sie da, diese bleierne Müdigkeit, die mich oft tagaus tagein begleitet, mir sagt, ich soll doch ein wenig kürzertreten, mich anschreit, weil ich nicht hören will.

„Schalt einen Gang runter!“

Würde ich manchmal gern.

Doch wenn du auf der sechsten Spur einer sechsspurigen Autobahn bist – oder eigentlich auf allen sechs Spuren gleichzeitig –, dann ist Bremsen keine Option.

Keine gute zumindest. Und dann beneide ich Menschen, die nur eine Dorfstraße im Kopf haben, mit einem ruhigen Bach daneben und ein paar Kühen, die dort herumspazieren.

Und doch spürt sich mein Leben, mein Kopf, meistens an wie diese Autobahn.

Als würde ich mich selbst überholen, mir selbst nachlaufen und mich doch nicht erreichen.

Weil jedem Gedanken, jeder Idee noch etwas folgt.

Eine Eingebung, ein Projekt, ein Buch, das geschrieben werden, ein Podcast, der aufgenommen werden muss.

Und ich stehe mittendrin und versuche nachzukommen.

Ich habe nur ein Leben.

Zumindest nur eines gleichzeitig.

Oder, wenn man der Quantenforschung glaubt, zumindest nur eines, das ich gleichzeitig bewusst wahrnehmen kann.

Dieses Leben läuft.

Unermüdlich.

Mir davon.

Neben mir her.

Aus mir heraus … manchmal, wenn ich es übertreibe.

Die beiden Enden einer Kerze

Doch, wer wäre ich ohne mich?

Wie könnte ich sein ohne dieses Feuer, das mich antreibt?

„Eine Kerze, die an beiden Enden brennt!“, das habe ich oft über mich sagen hören.

Und ja, es stimmt. So ist es wohl.

Wenn ich etwas im Außen erlebe, will ich es in mein Leben integrieren.

Auf diese Art bin ich zu einigen eigenen Büchern gekommen, habe tätowieren gelernt und eine Ausbildung zur Reinkarnationstherapeutin gemacht. Ich habe massieren gelernt, Kurse aller Art besucht, Bilder gemalt. Ja, sogar ein Schild für einen Shop habe ich einmal gemacht!

Und das ist nur die Spitze des Eisberges!

„Diagnose ADHS“, hieß es irgendwann einmal. Und ich schluckte brav Medikamente. Zuerst Welbutrin, zur Einstimmung, danach Ritalin.

Besser wurde es nicht. War wohl nichts mit ADHS!

Laut aktuellem Stand der Dinge habe ich ein paar „Highs“ zu viel. Hochsensitiv und Co.

Doch vor allem bin ich eines: ein Bunter Vogel. Ich habe gelernt damit zu leben, mir die Meinungen anderer nicht nahegehen zu lassen, mich nicht schlecht zu fühlen, weil sich meine berufliche Vita liest wie eine beliebige Seite mit Stellenanzeigen in der Kronenzeitung.

Ich bin SO.

Und das ist gut.

Weil es so etwas wie mich noch nicht gibt.

Und weil ich durch mein SO-Sein anderen Bunten Vögeln zeigen kann, dass es geht.

Es kann funktionieren.

Wenn du deine „Lücke“ im System findest, den für dich passenden Arbeitgeber oder Job.

Wenn du lernst, mit dir selbst umzugehen.

Wenn du die Risiken kennst und darauf zu achten lernst.

Und dabei kannst dich unterstützen lassen.

Mein Fels in der Brandung ist übrigens Moni, die Betreiberin dieser Webseite. Die, obgleich selbst ein Bunter Vogel, doch Ruhe mitbringt, Gelassenheit und den Überblick bewahrt.

Die mich aus meinen Autobahnrunden holen kann, mich einfach „sein“ lässt.

Ohne Tun, ohne Runden rennen, ohne Müssen.

Das kann so unglaublich erholsam sein.

Einfach einmal sein.

Müde. Nicht müde.

Meine Trigger sind für mich mittlerweile klar erkennbar.

Einer davon tritt in Kraft, wenn jemand, den ich mag, in Bedrängnis ist.

Oder wenn ich bemerke, dass etwas nicht erledigt ist, das ich abgeschlossen glaubte.

Der schlimmste Trigger aber ist das Neue. Die Idee. Das Projekt.

Es hält mich auf Trab, auch wenn die Augen schon fast zufallen.

Manchmal kann das bedrohliche Formen annehmen, doch langsam, langsam lerne ich es, damit umzugehen. Gelernt habe ich am meisten durch Mentaltraining. Mich selbst nicht zu überfordern, meine Ansprüche an mich auf ein normales (was ist schon normal???) Maß zu bringen, neben meinen Projekten auch mich selbst wahrzunehmen, mit meinen Bedürfnissen auf körperlicher Ebene, anstatt mich ständig an einem neuen Projekt zu verausgaben.

Ich habe noch lange nicht den Boden erreicht mit den Füßen, aber manchmal erahne ich schon, dass auch ein Bunter Vogel manchmal landen darf, sich ins Nest kuscheln und Kraft sammeln.

Lisa Keskin ist

Ghostwriter, Autorin und BuchMacherin und

bekennender Bunter Vogel